Jacob Burckhardt Zitate
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Das Leben der Menschheit ist ein Ganzes, dessen zeitliche und örtliche Schwankungen nur für unsere schwachen Organe ein Auf und Nieder, ein Heil und Unheil darstellen, in Wahrheit aber einer höhern Notwendigkeit angehören.
Aber zum Untergang ist die Menschheit noch nicht bestimmt, und die Natur schafft so gütig wie jemals.
Die Wohltat des Staates besteht darin, daß er der Hort des Rechtes ist.
Wir sind nicht eingeweiht in die Zwecke der ewigen Weisheit und kennen sie schlecht.
Denn der Geist hat Wandelbarkeit, aber nicht Vergänglichkeit.
So spricht der Charakter ganzer Nationen, Kulturen und Zeiten aus ihrem Gesamtbauwesen als der äußeren Hülle ihres Daseins.
Jede Sache wird durch ihren Ausdruck irgendwie veräußerlicht und entweiht.
Wir sind aber nicht eingeweiht in die Zwecke der ewigen Weisheit und kennen sie nicht. Dieses kecke Antizipieren eines Weltplanes führt zu Irrtümern, weil es von irrigen Prämissen ausgeht.
Nichts auf der Welt wird endgültig überwunden.
Im Grunde sind wir überall in der Fremde, und die wahre Heimat ist aus wirklich Irdischen und aus Geistigem und Fernem wundersam gemischt.
In der Regierung geschieht alles, auch das Schrecklichste, um die Einheit und das Bestehen der Macht zu verbürgen.
Nur durch den Kampf, und zwar in allen Zeiten und Fragen der Weltgeschichte, erfährt der Mensch, was er eigentlich will und was er kann.
Die Geschichte liebt es bisweilen, sich auf einmal in einem Menschen zu verdichten, welchem hierauf die Welt gehorcht. Diese großen Individuen sind die Koinzidenz des Allgemeinen und des Besonderen, des Verharrenden und der Bewegung in Einer Persönlichkeit.
Wir werden das Altertum nie los, solange wir nicht wieder Barbaren werden. Der Barbar und der neuamerikanische Bildungsmensch leben geschichtslos.
Ihre [der Kultur] äußerliche Gesamtform aber gegenüber von Staat und Religion ist die Gesellschaft im weitesten Sinne.
Die protestantischen Länder wurden später [im 16. Jhdt.] Stätten der „Geistesfreiheit“, nicht weil sie protestantisch, sondern insofern sie es nicht mehr mit Eifer waren.
Das scheinbar kränkste Volk kann der Gesundheit nahe sein und einen mächtig entwickelten Todeskeim in sich bergen, den erst die Gefahr an den Tag bringt.
Nicht jede Zeit findet ihren großen Mann, und nicht jede große Fähigkeit findet ihre Zeit. Vielleicht sind jetzt sehr große Männer vorhanden für Dinge, die nicht vorhanden sind.
Die Menschen sind Menschen im Frieden wie im Kriege; das Elend des Irdischen hängt ihnen in beiden Zuständen gleich sehr an.
Es gibt kein edleres Bildungsmittel als Unterredung mit einem Gleichgesinnten von ungleichen Ansichten.
Der Charakter ist für den Menschen viel entscheidender als der Reichtum des Geistes.
Mächtige Regierungen haben einen Widerwillen gegen das Geniale.
Es ist schon in den alten Zeiten ein entsetzliches Bild, wenn man sich die Summe von Verzweiflung und Jammer vorstellt, welche das Zustandekommen z.B. der alten Weltmonarchien voraussetzte.
Was ein Zeitalter an einem anderen interessiert.
Unmöglich ist es zu vergleichen, welcher Prozeß der größere gewesen: die Entstehung des Staates oder die einer Religion.
Man muß mit der Gier der Massen rechnen. Das eigentlich politische Wesen der Völker ist eine Wand, in die man wohl diesen und jenen Nagel einschlagen kann, aber der Nagel hält nicht mehr. Darum wird […] die Autorität wieder ihr Haupt erheben, und ein schreckliches Haupt.
Wie viel muß untergehen, damit etwas Neues entstehe!
Man oktroyiert dem Staat in sein täglich wachsendes Pflichtheft schlechtweg alles, wovon man weiß oder ahnt, daß es die Gesellschaft nicht tun werde.
Man ehrt allerdings Geist und Bildung. Nur ist leider die Literatur meist ebenfalls eine Industrie geworden. […] Heute geht das wenigste noch aus innerer Nötigung hervor. Das weitmeiste hat seinen Daseinsgrund entweder im Honorar oder in der Hoffnung auf eine äußere Stellung.
Von der Bevölkerung her ist es mehr und mehr die Kultur (im weitesten Umfang des Wortes), welche an die Stelle der Religion tritt, sobald es sich darum handelt, wer den Staat bedingen soll.
Das Wesen der Geschichte ist die Wandlung.
Zu Alberti verhielt sich Leonardo da Vinci wie zum Anfänger der Vollender.
Die Anschauung von einem Glück, welches in einem Verharren, in einem bestimmten Zustande bestände, ist an sich falsch.
Der Geist ist ein Wühler und arbeitet weiter.
Wenn die Geschichte uns irgendwie das große und schwere Rätsel des Lebens auch nur geringstenteils soll lösen helfen, so müssen wir wieder aus den Regionen des individuellen und zeitlichen Bangens zurück in eine Gegend, wo unser Blick nicht sofort egoistisch getrübt ist.
Zum Lobe der Krisen läßt sich nun vor allem sagen: Die Leidenschaft ist die Mutter großer Dinge, d. h. die wirkliche Leidenschaft, die etwas Neues und nicht nur das Umstürzen des Alten will.
Macht ist böse.
Wenn aber beim Elend noch ein Glück sein soll, so kann es nur ein geistiges sein, rückwärts gewandt zur Rettung der Bildung früherer Zeit, vorwärts gewandt zur heitern und unverdrossenen Vertretung des Geistes in einer Zeit die sonst gänzlich dem Stoff anheimfallen könnte.
Nur in der Bewegung, so schmerzlich sie sei, ist Leben.
Die Eile und Sorge verderben das Leben. Alles ist durch die Allkonkurrenz auf die höchste Schnelligkeit und auf Kampf um Minimaldifferenzen angewiesen.
Das Offenhalten des Geistes für jede Größe ist eine der wenigen sicheren Bedingungen des höheren geistigen Glücks.
Die öffentliche Meinung hat immer unrecht; schon deshalb, weil es die öffentliche Meinung ist.
Das Böse herrscht bisweilen lange als Böses auf Erden. […]
Der Staat hat den Kaufleuten und Industriellen das Ausbeuten des Kredites abgelernt; er trotzt darauf, daß die Nation ihn nie bankrott gehen lassen könne. Neben allen Schwindlern steht nun der Staat als Großoberschwindler da.
Durch das absolut zentralistische Verfahren bereitet die Regierung die Revolution vor.
Alles Geschehen hat eine geistige Seite, von welcher aus es an der Unvergänglichkeit teilnimmt.
Nach außen ist Napoleon Terrorist, aus der Schule von 1793/94. Und dabei ist er vielleicht der erste Feldherr aller Zeiten. Bei völliger moralischer Unbedenklichkeit verfügt er über höchste militärische Fähigkeit.
Es empört [bei der Betrachtung von Religionskriegen], daß irgend eine Wahrheit (oder was uns dafür gilt) sich nur durch äußere Gewalt solle Bahn machen können, und daß sie, wenn diese nicht genügt, unterdrückt wird.
Ich glaube an eine Unvergänglichkeit; es ist doch so in unsere Natur gelegt.
Für mich ist schon lange klar, daß die Welt der Alternative zwischen völliger Demokratie und absolutem rechtlosen Despotismus entgegentreibt.